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Beziehungsformen

Kurzbeschreibung

Beziehungsformen sind ein entwicklungspsychologisches Modell, das beschreibt, wie Menschen grundlegende Weise des Sich-Beziehens erlernen. Daraus entwickeln Menschen spezifische Beziehungskompetenzen, wie z.B. die Fähigkeit zur nahen und vertrauensvollen Beziehung, zur Kooperation, zur Spiegelung und Rückmeldung, zum Streiten und Abgrenzen sowie zum Umgang mit Paradoxien.

Praktische Bedeutung

Das Modell der Beziehungsformen hilft dir zu verstehen, warum bestimmte Beziehungsmuster immer wiederkehren – in Partnerschaft, Familie, Freundschaft, Teams, oder Organisationen. Es macht deutlich, ob Menschen Beziehungen z.B. eher als vertrauensvolle Begegnung (Ich-du), als kooperative Beziehung (Ich-es-du), als Streit (Ich-oder-du) oder als Nicht-Beziehung erleben. Damit liefert es eine „Beziehungsgrammatik“ (Sell 2009b): Es zeigt, welche Formen von Beziehung jemand gelernt hat und welche (noch) nicht zur Verfügung stehen. In der Praxis kannst du mit Beziehungsformen Entwicklungsschritte identifizieren, die gezielt neue Beziehungsqualitäten ermöglichen.

Beschreibung

Matthias Sell unterscheidet verschiedene Beziehungsformen, die sich im Laufe der individuellen Entwicklung herausbilden. Zentral sind: Ich-du (die nahe vertrauensvolle Beziehung), Ich-es-du (die kooperative Beziehung), Ich-ich (die Fähigkeit zum Spiegel und Rückkoppeln), Ich-oder-du (die Fähigkeit zum Streiten und zum Konflikt), die Nicht-Beziehung (Abgrenzung und Konsequenz in Beziehungen), die Pseudo-Beziehung (Umgang mit Paradoxien, wie z.B Widersprüche oder Ambiguität), sowie letztlich Ich und du, sprich: die erwachsene Beziehung als Fähigkeit zur Wahl einer sinnvollen und geeigneten Beziehungsform aus vielen möglichen Alternativen.

Diese Formen sind kein Typenmodell, sondern Ausdruck entwicklungspsychologischer und biografischer Erfahrungen. Menschen können zwischen Beziehungsformen wechseln – je nach Kontext, Stresslevel und aktiviertem innerem Beziehungsbild. In frühen Beziehungserfahrungen erfahren, beeinflusst unsere spezifische Beziehungsgrammatik unser Verhalten in Partnerschaft, Familie, Teams, Organisationen und Gesellschaft.

Das Modell der Beziehungsformen steht in engem Zusammenhang mit dem Ich-Zustandsmodell und dem Konzept der Beziehungszustände. Es erweitert die klassische TA um die Frage: Wie ist die Grammatik meiner Beziehungen strukturiert? Es verbindet intrapsychische Dynamiken mit konkretem Beziehungsgeschehen und macht sichtbar, wie Menschen Nähe & Distanz, Macht & Abhängigkeit, sowie Verantwortung & Kokreation in Beziehungen modulieren.

Beziehungsformen

Quelle: Sell, M. & Brunner, K. (2023): Grundlagen der relationalen Transaktionsanalytischen Denkweise und Praxis. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 40(3), S. 326.

Anwendung

In der Psychotherapie helfen Beziehungsformen, wiederkehrende Muster in Partnerschaften, Familien und therapeutischen Beziehungen sichtbar zu machen. Fragen wie „Behandeln Sie sich selbst und andere eher wie ein Du oder wie ein Es?“ oder „Wer darf in Ihren Beziehungen Subjekt sein?“ lenken den Blick auf die zugrunde liegende Grammatik der Beziehung und eröffnen Raum für neue Formen von Begegnung.

In Beratung und Coaching unterstützt das Modell, dysfunktionale Muster in Führung und Zusammenarbeit zu identifizieren. Eine Führungskraft, die Mitarbeitende vorwiegend als „Es“ adressiert – als Funktionen oder Ressourcen –, fördert andere Beziehungsformen als jemand, der sie als Subjekte wahrnimmt. Mit Teams lässt sich erkunden, wann sie in IchoderduDynamiken kippen und wie sie kokreative IchundduFormen entwickeln können.

In Bildung und Training lassen sich Beziehungsformen nach Sell über Rollenspiele und gemeinsame Reflexion erfahrbar machen: „In welcher Beziehungsform waren wir gerade unterwegs?“ So lernen Teilnehmende, ihr eigenes Beziehungsverhalten differenzierter wahrzunehmen und ernst zu nehmen.

In Organisationen macht das Modell kulturelle Muster sichtbar: Eine stark wettbewerbsorientierte Kultur fördert IchoderduBeziehungen; eine rein funktionale Kultur erzeugt vor allem IchesduBeziehungen. Relationale OE zielt darauf, Räume für mehr IchundduBeziehungen zu schaffen – ohne funktionale Anforderungen zu vernachlässigen.

Beispiele

Paarberatung: Ein Partner beschreibt die Beziehung so, als ginge es vor allem um Funktion (Haushalt, Organisation, Rollen). Gefühle und Wünsche der Partnerin kommen kaum vor. Du benennst dies als Ich-es-Beziehungsform und arbeitest daran, den Übergang zu mehr Ich-du-Qualität zu ermöglichen.

Führung: Eine Führungskraft neigt dazu, Entscheidungen allein zu treffen und Rückmeldungen als Angriff zu erleben. In Konflikten entsteht schnell ein Ich-oder-du-Muster. Mit Hilfe des Modells reflektiert ihr, wie alternative Beziehungsformen aussehen könnten, z.B. Ich-du in Form von Dialog und gemeinsamem Aushandeln.

Team: In einem Team wechseln einzelne Mitglieder zwischen Symbiose („Ohne dich schaffe ich das nicht“) und Nicht-Beziehung (innerer Rückzug, Schweigen). Mithilfe der Beziehungsformen kann das Team verstehen, wie diese Muster entstanden sind und welche Schritte nötig sind, um mehr tragfähige Ich-du-Beziehungen zu entwickeln.

Quellen

  • Korpiun, M. (2024): Innere Beziehungsbilder und ihr Einfluss auf die Gestaltung von Beziehungen. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 41(4), 313–329.
  • Sell, M. (2009b): Beziehungsformen als Element konsequenter transaktionaler Denkweise. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 26(2), 101–115.
  • Sell, M. (2018b): Psychotherapie. Schriftenreihe Interaktionelle Relationale Grunderfahrung. Bd. 1, Hannover: INITA.
  • Sell, M. (2010): Zukunft der Transaktionsanalyse. Transaktionale Analyse und Beziehungserfahrung. Hannover: INITA.
  • Sell, M. & Brunner, K. (2023): Grundlagen der relationalen Transaktionsanalytischen Denkweise und Praxis. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 40(3), S. 220-237.