Kurzbeschreibung
Das relationale Selbst beschreibt den Menschen als wesenhaft bezogenes Wesen, dessen Identität sich aus seinen Beziehungen heraus dynamisch konstituiert. Selbst wird als Prozess sozialer Resonanz verstanden, nicht als isolierte innere Instanz. Nicht „Ich habe ein Selbst“, sondern „Ich werde zum Selbst in Beziehung“ ist die Grundformel. Dieses relationale Selbst beginnt sich bereits vorgeburtlich zu formen. Die Suche nach einem originären Selbst ist daher müßig.
Praktische Bedeutung
Die Theorie des relationalen Selbst verschiebt den Fokus von individueller Autonomie im Sinne von Unabhängigkeit hin zu einer relationalen Autonomie, die Bezogenheit und Einzigartigkeit verbindet (Sell 2018b; Sell & Brunner 2023, Sell 2026). Es unterstützt Fachleute darin, Entwicklungsprozesse nicht als isolierte Leistung des Einzelnen zu betrachten, sondern als Ergebnis von Beziehungserfahrungen, Resonanz und Kontextbedingungen. Das hat weitreichende Konsequenzen: In der Psychotherapie verschiebt sich der Fokus von „Was ist mit dir?“ zu „Was geschieht zwischen uns?“ In der Führung von „Wie führe ich?“ zu „Was entsteht in unseren Beziehungen?“ In der Organisationsentwicklung von „Wie optimieren wir Strukturen?“ zu „Wie entwickeln wir die Qualität unserer Beziehungen?“
Beschreibung
Das relationale Selbst knüpft an entwicklungspsychologische, bindungstheoretische, neurobiologische und dialogphilosophische Ansätze an. Es geht davon aus, dass das Erleben von „Ich“ immer schon in Beziehung zu „Du“ und „Wir“ entsteht. Daniel Stern (2010) zeigt mit der Säuglingsforschung, dass Selbstempfinden von Beginn an in Resonanz mit den Bezugspersonen entsteht. Martin Buber (1923) formuliert philosophisch: „Das Ich wird am Du zum Ich.“ Neurobiologisch bestätigt die Entdeckung der Spiegelneuronen (Rizzolatti et al. 1996) und des Belohnungssystems (Bauer 2005), dass das menschliche Gehirn von Grund auf relational strukturiert ist (vgl. auch Fuchs 2021).
Es ist daher sinnlos, nach einem „ursprünglichen“, von Beziehungen unabhängigen Kern-Selbst zu suchen – weil es ein solches isoliertes Selbst aus relationaler Perspektive nicht gibt. Das Selbst entsteht immer schon in und aus Beziehungen; es gibt kein Selbst „vor“ oder „jenseits“ von Beziehung. Wer also nach einem rein eigenen, unberührten Wesenskern sucht, sucht etwas, das es in diesem Verständnis nicht geben kann. Das Selbst ist von Beginn an relational konstituiert – weshalb die Suche nach einem beziehungsfreien Ursprungs-Selbst ins Leere läuft.
Relationale TA integriert diese Perspektiven und beschreibt das relationale Selbst als fortlaufenden Prozess von Ko-Konstruktion in Beziehungen. Sell (2018b, 2026) entfaltet dies als Theorie des relationalen Selbst: Selbst ist demnach weder fix noch ausschließlich intern lokalisiert, sondern entsteht im Spannungsfeld von Einzigartigkeit und Verbundenheit, von inneren Beziehungsbildern und äußeren Feldern. Korpiun & Korpiun (2022) beschreiben das relationale Selbst als dynamischen Prozess, in dem Menschen ihre Identität in Resonanz mit anderen fortlaufend hervorbringen.
Auch die Reflexion über sich selbst ist eine Beziehungserfahrung: Selbstreflexion geschieht in einem inneren Beziehungsraum, in dem verschiedene Stimmen, Bilder und Erfahrungen miteinander in Dialog treten. Das Selbst ist damit kein abgeschlossener Kern, sondern ein Prozess – vergleichbar dem, was Kenneth Gergen (2009) aus sozialpsychologischer Perspektive als „Relational Being“ beschreibt. Diese Sicht hat tiefgreifende Konsequenzen für die professionelle Praxis: Symptome, Konflikte und Entwicklungsthemen werden nicht nur intrapsychisch verstanden, sondern als Ausdruck von Beziehungserfahrungen.
Die Entwicklung des relationalen Selbst

Quelle: Sell, M. & Brunner, K. (2023): Grundlagen der relationalen Transaktionsanalytischen Denkweise und Praxis. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 40(3), S. 222.
Anwendung
In der Psychotherapie unterstützt das Konzept, Symptome und Konflikte nicht nur intrapsychisch zu verstehen, sondern als Ausdruck gestörter oder fehlender Beziehungserfahrungen. Ziel ist, neue relationale Erfahrungen zu ermöglichen, in denen das Selbst anders erlebt werden kann. Die therapeutische Beziehung wird dabei zum zentralen „Labor“ für neue Selbst- und damit Beziehungserfahrungen.
In Coaching und Beratung hilft die Idee des relationalen Selbst, Rollen- und Identitätsfragen vor dem Hintergrund von Kontexten zu betrachten: Führungsselbst, professionelles Selbst, Selbst in Organisationen. Dies ermöglicht eine differenzierte Reflexion von Passung und Belastung. Fragen wie „Wer bin ich in dieser Rolle?“ oder „Wie verändert diese Organisation mein Selbsterleben?“ werden relational reformuliert.
In Organisationen eröffnet das Konzept die Frage nach der relationalen Passung: Nicht nur „Passt die Person zur Stelle?“, sondern „Welche Beziehungsqualitäten braucht dieser Kontext, und wie können wir sie gemeinsam entwickeln?“ Das verbindet das relationale Selbst mit dem organisationalen Entwicklungsraum und dem kollektiven Beziehungsbild.
Beispiele
Coaching: Ein Klient erlebt sich in Organisationen immer wieder als „falsch am Platz“. Über die Perspektive des relationalen Selbst wird deutlich, dass bestimmte Organisationskulturen seine relationalen Bedürfnisse systematisch frustrieren, während andere Kontexte sein Potenzial fördern. Dies erweitert den Blick von individueller Passung hin zu relationaler Passung – und eröffnet Gestaltungsmöglichkeiten auf beiden Seiten.
Psychotherapie: Ein Klient beschreibt sich als „immer schon Einzelgänger“. In der therapeutischen Beziehung wird spürbar, dass er sich sehr wohl auf Beziehung einlassen kann – wenn der Raum sicher genug ist. Das Bild „Einzelgänger“ zeigt sich als Schutzstrategie, die in früheren Kontexten sinnvoll war. Durch die neue Beziehungserfahrung verändert sich schrittweise das Selbsterleben.
Organisation: Ein Führungsteam reflektiert, dass es „eigentlich kein Team“ sei, sondern eine Ansammlung von Einzelkämpfern. Über das Konzept des relationalen Selbst wird verstanden, dass Team-Identität nicht verordnet werden kann, sondern aus gemeinsamen Beziehungserfahrungen entsteht. Darauf aufbauend verständigt sich das Team auf veränderte Begegnungsformate, um neue Beziehungserfahrungen im Miteinander zu machen. Die verändern über Zeit das Team.
Quellen
- Buber, M. (1923): Ich und Du. Stuttgart: Reclam (Neuausgabe 2009).
- Sell, M. (2018b): Psychotherapie. Schriftenreihe Interaktionelle Relationale Grunderfahrung. Bd. 1, Hannover: INITA.
- Sell, M. & Brunner, K. (2023): Grundlagen der relationalen Transaktionsanalytischen Denkweise und Praxis. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 40(3), S. 220-237.
- Sell, M. (2026): Das Felddenken in der Transaktionsanalyse – Relationales Denken. DGTA (Hrsg.): Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum der DGTA, S. xx-xx.
- Korpiun, M. & Korpiun, S. (2022): Relationales Selbst. In: Vom ICH zum WIR. Hannover: In Relation Publications, S. 73-142.
- Gergen, K. (2009): Relational Being. New York: Oxford University Press.
- Stern, D. N. (2016): Die Lebenserfahrung des Säuglings. 11. Aufl., Stuttgart: Klett-Cotta.
- Stern, D. (2010): Der Gegenwartsmoment. Vorwärts zu einer neuen Entwicklungspsychologie. 2. Aufl., Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel.