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Bildabgleich

Kurzbeschreibung

Bildabgleich bezeichnet den expliziten oder impliziten Abgleich innerer Bilder in Beziehungen. Er ist eine metakommunikative Praxis, bei der Beteiligte ihre Vorstellungen, Erwartungen und Wahrnehmungen bewusst miteinander vergleichen. Begegnungen auf Augenhöhe setzen einen zumindest impliziten Bildabgleich voraus (vgl. Korpiun 2022).

Praktische Bedeutung

Bildabgleich ist ein zentrales Werkzeug, um Missverständnisse, verdeckte Konflikte und Fehlzuschreibungen in Beziehungen zu klären. In Organisationen können gravierende Fehlentwicklungen daraus resultieren, dass innere Bilder nicht abgeglichen werden: Führungskräfte haben andere Bilder von ihrer Rolle als ihre Mitarbeitenden, Bereiche pflegen Stereotype über andere Bereiche, und strategische Ziele werden unterschiedlich verstanden. Durch die explizite Gegenüberstellung innerer Bilder wird deutlich, wo Annahmen auseinandergehen. Das schafft die Grundlage für reifere Formen der Kooperation und Konfliktlösung (vgl. Korpiun 2020).

Beschreibung

Das Konzept geht davon aus, dass Menschen mit inneren Bildern in Beziehungen gehen – etwa davon, wie sie selbst, andere oder Situationen sind oder sein sollten. Solange diese Bilder implizit bleiben, bestimmen sie das Beziehungsgeschehen, ohne dass sie reflektiert werden können. Bildabgleich bedeutet, diese inneren Bilder zu explizieren und miteinander in Dialog zu bringen (vgl. Korpiun 2024).

Relationale TA nutzt Bildabgleich als strukturierte Form von Metakommunikation: Beteiligte formulieren explizit, welches Bild sie von sich, vom Gegenüber, von der Beziehung oder vom Auftrag haben. Anschließend werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet. Ziel ist nicht, ein „richtiges“ Bild zu finden, sondern wechselseitige Verständigung und Anpassung der Bilder zu ermöglichen. Der Bildabgleich ist damit anschlussfähig an das Modell der Beziehungsbilder und das kollektive Beziehungsbild.

In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass bereits das Explizieren der Bilder erhebliche Wirkung entfaltet: Menschen erkennen, dass ihre Annahmen über andere nicht geteilt werden oder dass vermeintlich bekannte Positionen tatsächlich ganz anders gemeint sind. Der Bildabgleich kann sowohl bilateral (z. B. zwischen Führungskraft und Mitarbeitendem) als auch multilateral (z. B. im Team oder zwischen Bereichen) durchgeführt werden. Er eignet sich besonders gut für die Klärung von Aufträgen, Rollen, Erwartungen und Kooperationsverständnissen.

Bildabgleich als relationale metakommunikative Perspektive

Quelle: Korpiun, M. (2020): Relational Organizational Development. Transactional Analysis Journal, 50(3), S. 215.

Anwendung

In Coaching und Beratung kann Bildabgleich zur Klärung von Erwartungen an den Beratungsauftrag genutzt werden: „Welches Bild haben Sie von dem, was wir hier gemeinsam tun?“ In Führungscoachings kann der Bildabgleich zwischen Führungskraft und Team eingesetzt werden, um unterschiedliche Erwartungen an Führung sichtbar zu machen.

In Teams dient der Bildabgleich dazu, unterschiedliche Vorstellungen über Ziele, Rollen und Zusammenarbeit sichtbar zu machen. Er kann als reguläres Format in die Teamarbeit integriert werden – etwa als „Bilder-Runde“ zu Beginn eines Projekts oder als Retrospektive. In Organisationen ist der Bildabgleich unmittelbar anschlussfähig an das Konzept des kollektiven Beziehungsbildes und damit an relationale Organisationsentwicklung.

In Bildungskontexten kann Bildabgleich dazu dienen, die unterschiedlichen Erwartungen von Lehrenden und Lernenden an den Lernprozess transparent zu machen. In therapeutischen Kontexten unterstützt er die Klärung von Übertragungsphänomenen: „Welches Bild haben Sie gerade von mir?“ und „Welches Bild habe ich gerade von Ihnen?“

Beispiele

Projektteam: Es zeigt sich, dass sehr unterschiedliche Bilder darüber existieren, was der Erfolg des Projekts bedeutet. Während ein Teil des Teams „termingerechte Lieferung“ meint, versteht ein anderer Teil „kundenzufriedene Lösung“. Durch Bildabgleich werden diese Vorstellungen explizit gemacht und ein gemeinsam getragenes Zielbild entwickelt.

Führung: Eine Führungskraft versteht ihre Rolle als „Enablement“, während Mitarbeitende klare Ansagen erwarten. Der Bildabgleich macht den Unterschied sichtbar und ermöglicht eine Verständigung über Führungserwartungen.

Bereichsübergreifende Zusammenarbeit: Zwei Abteilungen pflegen sehr unterschiedliche Bilder voneinander („die Kreativen“ vs. „die Bürokraten“). Ein strukturierter Bildabgleich zwischen den Teams macht diese Stereotype sichtbar und eröffnet den Weg zu differenzierteren Bildern und besserer Kooperation.

Quellen

  • Korpiun, M. (2024): Innere Beziehungsbilder und ihr Einfluss auf die Gestaltung von Beziehungen. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 41(4), 313–329.
  • Korpiun, M. (2020): Relational Organizational Development. Transactional Analysis Journal, 50(3), 207–220.
  • Korpiun, M. (2022): Augenhöhe und ihre Bedeutung für gelingende Beziehungen. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 39(4), 317–332.