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Beziehungsbilder

Kurzbeschreibung

Beziehungsbilder bezeichnen innere Vorstellungen darüber, wie Beziehungen typischerweise sind und wie andere sich einem gegenüber verhalten. Sie können primär-biografisch beeinflusst oder situativ-sozial entwickelt sein und beeinflussen maßgeblich, wie Beziehungen gestaltet werden. Das Konzept bietet eine relationale Neuinterpretation der klassischen Grundhaltungen oder Grundpositionen nach Berne (vgl. Korpiun 2024).

Praktische Bedeutung

Das Modell der Beziehungsbilder bietet eine relationale Erweiterung des klassischen Konzepts der Grundpositionen bzw. Grundhaltungen (vgl. Berne 1962; Harris 1967; Ernst 1971). Statt der Position ist die Relation im Fokus. Es ermöglicht, differenziert zu beschreiben, mit welchen inneren Bildern Menschen typischerweise bzw. musterhaft in Beziehungssituationen gehen und wie diese Bilder ihr Erleben und Handeln steuern. Während die Grundpositionen primär kognitive Haltungen beschreiben (Ich bin OK / Du bist OK), fassen Beziehungsbilder die gesamte mentale, emotionale und leibliche Repräsentation von Beziehungen im Selbsterleben von Ich-du zusammen. In der Praxis hilft dies, festgefahrene Muster zu verstehen und gezielt neue Beziehungserfahrungen zu ermöglichen.

Beschreibung

Innere Beziehungsbilder sind mentale, emotionale und leibliche Repräsentationen von Beziehungen. Sie entstehen aus frühen Bindungs- und Beziehungserfahrungen (primäre Beziehungsbilder) und werden im Verlauf des Lebens durch weitere Erfahrungen differenziert bzw. variiert (sekundäre, situative Beziehungsbilder). Sie enthalten Erwartungen darüber, ob andere verfügbar, wohlwollend, kritisch, abwertend, unberechenbar oder zuverlässig sind – und wie die eigene Person sich in Beziehungen erleben darf, kann oder will (vgl. Korpiun 2024, S. 315 ff.).

Korpiun (2024) beschreibt innere Beziehungsbilder als vielschichtige, intermodale Erfahrungsverdichtungen. Sie sind keine statischen Bilder, sondern sedimentierte Erfahrungen, die sowohl kognitive, emotionale, leibliche als auch energetische Dimensionen umfassen. Primäre Beziehungsbilder, die stark biografisch geprägt sind, bilden den Grundton des Beziehungserlebens. Situative Beziehungsbilder entstehen in spezifischen Kontexten (z. B. Arbeit, Partnerschaft, Freundschaft) und können primäre Bilder überlagern, relativieren oder bestätigen. Beide Bildarten sind dynamisch: Sie können aktiviert, modifiziert oder durch neue Erfahrungen verändert werden.

In Summe unterscheidet Korpiun (2024; 2025) fünf innere Beziehungsbilder: das Beziehungsbild von Ebenbürtigkeit als Basis für die Begegnung auf Augenhöhe, sowie vier Beziehungsbilder, die sich durch eine Kombination von Auf- oder Abwertung von sich selbst und anderen ergeben: Überhöhung (Selbst- und Fremdaufwertung), Untergang (Selbst- und Fremdabwertung), Überhöhung (Selbstaufwertung und Fremdabwertung), sowie Unterlegenheit (Selbstabwertung und Fremdaufwertung). Korpiun beschreibt dediziert die energetischen Beziehungsmuster, die mit den jeweiligen Beziehungsbildern korrespondieren und welche Konsequenzen sich daraus für die Gestaltung von Beziehungen ergeben.

Das Modell steht in engem Zusammenhang mit Beziehungsformen, Beziehungszuständen und Abhängigkeitsbeziehungen. In Organisationen knüpft es unmittelbar an das Konzept des kollektiven Beziehungsbildes an (vgl. Korpiun 2020).

Das Bewusstmachen und Reflektieren innerer Beziehungsbilder ist ein zentraler Hebel für Veränderung in allen Anwendungsfeldern. Innere Beziehungsbilder korrespondieren stets mit einem relationalen energetischen Prozess: Veränderungen der Bilder gehen einher mit Veränderungen des energetischen Flusses in Beziehungen und umgekehrt (vgl. Korpiun 2024, S. 325 f.; Korpiun & Korpiun 2022).

Primäre innere Beziehungsbilder als relationale Deutung existenzieller Grundpositionen

Quelle: Korpiun, M. (2025): Der organisationale Entwicklungsraum. Ein relationales Modell auf Basis kollektiver Beziehungsbilder. In: Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 42. Jg., H. 3, S. 305.

Anwendung

In der Psychotherapie können Beziehungsbilder mithilfe von Imaginationsübungen, Rollenspielen oder narrativer Arbeit exploriert werden. Ziel ist, primäre Bilder zu erkennen, ihre Herkunft zu verstehen und neue, korrigierende Beziehungserfahrungen zu ermöglichen. Das therapeutische Setting selbst wird zum Ort, an dem alternative Beziehungsbilder erfahrbar werden.

In Beratung und Coaching unterstützt das Modell die Reflexion von Führung, Team- und Organisationskultur. Leitfragen sind: „Mit welchem inneren Bild von Mitarbeitenden führen Sie?“ oder „Welches Bild haben Mitarbeitende von dieser Organisation?“ Ein Bildabgleich (s. Kapitel 5.13) macht diese Bilder explizit und ermöglicht gezielte Veränderung.

In pädagogischen Kontexten können Beziehungsbilder von Lehrenden und Lernenden sichtbar gemacht werden, um Lernbeziehungen bewusster zu gestalten. Welches Bild hat die Lehrende von Lernenden? Welches Bild haben Lernende von sich selbst als Lernende? In Organisationen knüpft das Modell an das Konzept des kollektiven Beziehungsbildes an und ermöglicht eine systematische Organisationsdiagnose auf der Ebene von inneren Beziehungsbildern.

Beispiele

Psychotherapie: Eine Klientin trägt das primäre Beziehungsbild „Ich bin Last“ in sich. In der Zusammenarbeit mit der Therapeutin wird dieses Bild schrittweise durch neue Erfahrungen von Getragensein und Resonanz relativiert. Es entstehen alternative Beziehungsbilder wie „Ich darf Raum einnehmen“. Der leibliche Anteil – z. B. die Erfahrung, sich im therapeutischen Raum zu entspannen – ist dabei ebenso wichtig wie die kognitive Reflexion.

Organisation: Es zeigt sich ein verbreitetes Beziehungsbild von Führung als „Kontrolle“. Mitarbeitende erleben Führung primär als Begrenzung, nicht als Unterstützung. Durch dialogische Formate und die Einführung von Feedback- und Beteiligungsstrukturen entwickelt sich schrittweise ein neues Bild von Führung als „Orientierung und Ermöglichung“.

Team: In einem Projektteam bestehen sehr unterschiedliche Beziehungsbilder davon, was „gute Zusammenarbeit“ bedeutet. Durch einen strukturierten Bildabgleich werden diese Bilder explizit gemacht und ein gemeinsam getragenes Bild der Zusammenarbeit entwickelt.

Quellen

  • Harris, T. (1967): I’m OK, You’re OK. New York: Harper & Row.
  • Korpiun, M. (2025): Der organisationale Entwicklungsraum. Ein relationales Modell auf Basis kollektiver Beziehungsbilder. In: Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 42. Jg., H. 3, S. 294-311.
  • Korpiun, M. (2024): Innere Beziehungsbilder und ihr Einfluss auf die Gestaltung von Beziehungen. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 41(4), 313–329.
  • Korpiun, M. & Korpiun, S. (2022): Relationales Selbst. In: Vom ICH zum WIR. Hannover: In Relation Publications, S. 73-142.
  • Korpiun, M. (2020): Relational Organizational Development. Transactional Analysis Journal, 50(3), 207–220.
  • Sell, M. (2018b): Psychotherapie. Schriftenreihe Interaktionelle Relationale Grunderfahrung. Bd. 1, Hannover: INITA.
  • Berne, E. (1962): Classification of Positions. Transactional Bulletin, 1, S. 23.