Kontakt

Beziehungszustände

Kurzbeschreibung

Beziehungszustände sind die relationale Erweiterung des klassischen Ich‑Zustands-Modells. Sie beschreiben, in welchem gemeinsamen Zustand zwei oder mehrere Personen sich in einer konkreten Beziehungssituation befinden – und verschieben den Fokus von der Betrachtung individueller oder komplementärer Ich-Zustände hin zur gemeinsamen Beziehungsqualität.

Praktische Bedeutung

Das Modell ermöglicht, nicht nur zu fragen „In welchem Ich‑Zustand bin ich?“, sondern: „In welchem gemeinsamen Beziehungszustand befinden wir uns?“ Beziehungszustände helfen, typische Qualitäten von Beziehungen, wie z.B. Versorgungs-, Kontroll-, Abhängigkeits- oder kooperativen Beziehungen, zu identifizieren und gezielt zu verändern. Der Fokus verschiebt sich von individueller Betrachtung auf die gemeinsame Verantwortung für Beziehungsqualität. In der Praxis wird damit sichtbar, dass Beziehungsmuster nicht „einem Einzelnen gehören“, sondern kokreativ hergestellt werden (vgl. Sell 1996, 2009b).

Beschreibung

Beziehungszustände basieren auf der Annahme, dass Ich‑Zustände nicht isoliert im Einzelnen existieren, sondern Ausdruck von Beziehung sind – sowohl innerlich (innerer Beziehungsprozess) als auch in der Beziehung zu anderen und zur Welt (äußerer Beziehungsprozess). Sell (1996) formuliert dies als „Psychic States, Ego States, States of Relationship“ und beschreibt damit eine konsequente Erweiterung: Nicht der Ich‑Zustand als individuelle Größe, sondern der Beziehungszustand als relationale Größe steht im Mittelpunkt.

Wenn zwei Personen interagieren, bilden sich typische Konstellationen, wie z.B. kritisches Eltern‑Ich in Beziehung zu rebellischem Kind‑Ich, fürsorgliches Eltern‑Ich in Beziehung zu angepasstem Kind‑Ich oder Erwachsenen‑Ich in Beziehung zu Erwachsenen‑Ich. Diese Ich-Zustandsmuster werden als Beziehungszustände verstanden. Entscheidend ist: Ein und dieselbe Person kann in unterschiedlichen Kontexten sehr verschiedene Beziehungszustände eingehen. Die Frage, welche Konstellationen bevorzugt oder vermieden werden, eröffnet Entwicklungsmöglichkeiten.

Das Modell erlaubt eine differenzierte Beschreibung von Beziehungsqualität, ohne die Prägnanz der Analyse von Ich-Zuständen aufzugeben – ganz im Sinne einer Erweiterung. Es ist anschlussfähig an Beziehungsformen, Abhängigkeitsbeziehungen und Augenhöhe, da es sichtbar macht, welche Zustände Augenhöhe unterstützen (z. B. die dynamische erwachsene Beziehung von Ich und du) und welche sie untergraben (z. B. Abhängigkeitsbeziehungen oder musterhafte Kontrollbeziehungen). Die Verbindung zum Konzept der Beziehungsatmosphäre ist eng: Beziehungszustände prägen die Atmosphäre, und umgekehrt beeinflusst die Atmosphäre, welche Beziehungszustände aktiviert werden.

Schaubild:

Tbd.

Anwendung

In der Psychotherapie können Beziehungszustände genutzt werden, um wiederkehrende Muster in der therapeutischen Beziehung und in den Beziehungen der Klient:innen zu benennen. Dies ermöglicht eine Meta-Perspektive: „Was tun wir gerade miteinander? In welchem gemeinsamen Beziehungszustand befinden wir uns?“ „Wie können wir unsere Beziehung gerade charakterisieren?“ Eine solche Reflexion kann den Raum öffnen für neue, bislang nicht erprobte Beziehungszustände.

In Beratung und Coaching unterstützt das Modell die Arbeit mit Führungskräften und Teams, indem gemeinsame Zustände (zum Beispiel kollektiv rebellisch, überangepasst, kontrollierend) identifiziert und reflektiert werden. Leitfragen können sein: „In welchem Beziehungszustand befinden wir uns in unseren Meetings?“ oder „Was wäre ein Beziehungszustand, der unserer Aufgabe besser dient?“ So lassen sich alternative Beziehungszustände entwickeln, etwa in Richtung mehr Erwachsenen-Erwachsenen-Qualität.

In pädagogischen Kontexten können Lehrende und Lernende ihre typischen Beziehungszustände reflektieren (zum Beispiel autoritär – angepasst, unterstützend – explorativ), um Lernräume bewusster zu gestalten. In Organisationen bieten Beziehungszustände eine Sprache, um kulturelle Muster zu erfassen und gezielt zu verändern. Die Verbindung zum kollektiven Beziehungsbild macht sichtbar, welche Beziehungszustände in einer Organisation „normal“ sind und welche Entwicklungsschritte möglich wären.

Beispiele

Teamcoaching: In Sitzungen dominiert häufig ein kritisch-Eltern-Ich – angepasstes Kind-Ich-Zustand: Leitung kritisiert, das Team rechtfertigt sich. Durch die Arbeit mit Beziehungszuständen wird ein Übergang zu mehr Erwachsenen-Erwachsenen-Dialog vorbereitet – konkret durch die Einführung dialogischer Reflexionsformate und die bewusste Verlangsamung von Interaktionen.

Beratung: Eine Führungskraft gerät in Konflikten regelmäßig in einen rebellisch-kindlichen Zustand, während das Gegenüber in ein kritisch-elterliches Muster geht. Das Bewusstmachen dieses Beziehungszustandes ermöglicht es, alternative Reaktionsweisen zu erarbeiten und im geschützten Rahmen zu erproben.

Bildung: In einem Ausbildungsseminar fällt auf, dass die Gruppe in Plenumsrunden regelmäßig in einen Beziehungszustand von „Lehrender erklärt – Lernende nehmen passiv auf“ verfällt. Durch Reflexion und methodischen Wechsel (z. B. kokreative Lernformen) verändert sich der dominante Beziehungszustand in Richtung gemeinsamer Exploration.

Quellen

  • Korpiun, M. (2024): Innere Beziehungsbilder und ihr Einfluss auf die Gestaltung von Beziehungen. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 41(4), 313–329.
  • Sell, M. (1996): Psychic States, Ego States, States of Relationship. Conference Reader, Hannover: INITA.
  • Sell, M. (2009b): Beziehungsformen als Element konsequenter transaktionaler Denkweise. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 26(2), 101–115.
  • Sell, M. (2018a): Interaktion – Transaktion – Relation. In: Franzen (Hrsg.): Relationalität. Hannover: INITA Verlag, S. 68–89.